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Deutsche Befindlichkeit

Written: June 2005
Title: Deutsche Befindlichkeit ("The Existential Orientation of Germany")


This was supposed to be the introduction to a project I had developed for my summer holidays 2005. I had the idea to travel around in Germany and using my quite widespread and diverse network there to get access to all kind of groups, professions, organisations, companies and events and writing about it on a blog. By exploring these diverse environments and providing observational snapshots of them the readers should have been able to make an interesting an diverse pictures from the facets of life in Germany.

I still think it's a damn good idea and still bite my ass for not following it through properly. Well... I still own the domain www.deutsche-befindlichkeit.de , so probably I will continue this thing someday... when I hopefully won't have lost my fresh and unbiased view...


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Der Held

Als ich vor ungefähr 21 Jahren in einer eher kleineren bayerischen Stadt das Licht der Welt erblickte, war mir noch nicht ganz klar, in welchen Schlamassel ich da eigentlich geraten war. Eigentlich war mir das die nächsten 16 Jahre nicht wirklich klar. Die Geschichte meines Landes ging an mir in meinem kleinen Kaff praktisch ohne nennenswerte Spuren vorbei. Der Fall der Mauer war wohl einer der gravierenderen historischen Einschnitte in meinem Leben – in jener Nacht fiel mit der Berliner Trennlinie unser ebenso alter Fernseher und ich musste seitdem auswärts Video spielen. Aber während ich versuchte, dieses Kindheitstrauma zu verarbeiten, rauschte all das zusammenwachsen und auseinanderdriften, all die Wahlsiege und Wahlniederlagen, all die Wirtschaftsauf- und Abschwünge, all die Krisen und Erfolge, die unser Land in meiner kurzen Lebenszeit bewegt hatten völlig unbemerkt an meinen bunt glitzernden, glasigen Augen vorbei. Ich war nicht für dieses Land gemacht. Ich lebte in Hyrule, in Kalimdor, in der Scheibenwelt, auf dem Wüstenplaneten – eben überall dort, wo das Leben noch spannend und nicht von langweiligen Menschen bevölkert war, die sich mehr für den Ausgang des nächsten Länderspiels interessierten als die drohende Vernichtung der Erde durch transdimensionale Outraider. Schliesslich ging mir eines Tages- in der langweiligsten Stunde meiner Anwesenheit in dieser faden Welt an einem langweiligen, einsamen Strand in einem Land namens Italien – von dem ich dank Risiko immerhin wusste, wo es lag – auf, dass ich irgendetwas falsch machte. Mein Horizont erstreckte sich nicht von Meer zu Meer, sondern von einem 12000 Einwohner Städtchen namens Burglengenfeld zu einem 25km davon entfernten Ort namens Regensburg, der das Ende meiner weltlichen Wahrnehmung markierte. Alle übrigen Orte waren nur ein Haufen sinnfreier Namen, die auf irgendeine Art und Weise Bezug zur Realität haben mussten. Einen Bezug allerdings, der mir völlig schleierhaft blieb. In einer Stadt namens Bonn regierte ein Mensch namens Kohl eine Ansammlung von Bundesländern, die jede Menge Namen hatten und mehr oder weniger irgendwo in der Nähe sein mussten. Also knapp hinter Regensburg. Später kam zu aller Verwirrung ein anderer Mensch namens Schröder, der plötzlich aus einer ganz anderen Stadt eine viel größere Ansammlung an Ländern regierte. Eine ganz und gar verwirrende Sache, wie ich fand.

Aber Verwirrung – so sagte ich mir – ist nur Mangel an Verständnis. Also suchte ich nach Verständnis. Und dazu musste ich mich erstmal ein bisschen fortbilden. Also fing ich an, hie und da ein paar Aktivitäten zu entfalten, vorzugsweise an meiner Schule, um ja nicht aus dem schützenden Versteck meiner vertrauten Umgebung heraus zu müssen. Tag und Jahr gingen ins Land, ich wurde älter, weiser, neugieriger und vor allem: ein klein wenig verständnisvoller. Also versuchte ich einen verstohlenen Blick über den Tellerrand zu wagen. Und noch ein wenig weiter. Und irgendwann wusste ich es plötzlich. Ich wusste, wo ich war und wer diese Menschen um mich herum waren. Ich kannte mein Land jetzt zumindest theoretisch und ich wollte es richtig kennen lernen. Aber so einfach war das leider nicht. Während sich andere Länder relativ einfach vorstellen liessen („Malta – Benedikt, Benedikt – Malta“), blieb mir mein Land immer ein wenig rätselhaft. Und auch die ganzen Menschen, die ich mit der Zeit kennen gelernt hatte, waren plötzlich irgendwohin in seinen Weiten verschwunden. Einfach Fort. Verteilt über all die lustigen Namen, die jetzt auch einen festen Platz auf meiner geistigen Landkarte hatten. Berlin, Hamburg, München, Köln, … Es wurde also Zeit für mich, zu gehen. Es zog mich in die Ferne – natürlich nicht zu weit vorerst. Ich studiere seit einem dreiviertel Jahr in Wien.

Eigentlich wäre das auch schon ein passendes Ende für einen Film. Held hat seine Mission erfüllt und dabei die Erkenntnis schlechthin gewonnen. All seine Freunde sind tot. Held betrachtet den hinter ihm liegenden Ort der letzten Schlacht. Held verzieht keine Miene. Held blickt noch einmal cool in die Kamera und reitet in den Sonnenuntergang, während eine tiefe Stimme aus dem off etwas von „nie wieder gesehen“ und der fundamentalen und unglaublich überraschenden Erkenntnis aus der Story faselt. Hyrule ist gerettet. Ende. Aber weder gibt es im Leben einen „Ende“ Schriftzug noch in Hollywood einen Film ohne Fortsetzung. Es geht also weiter. Heute. Hier. Und jetzt.

Die Idee

Die Idee war einfach. Ich besuche ein paar Freunde. Was man halt so macht als junger Mensch. Eigentlich sollte ich ja arbeiten. Was für meine Zukunft tun. Geld verdienen. Das wäre auch ganz im Sinne meines Vaters. Aber stattdessen zerstöre ich mein Leben, indem ich völlig sinnlos durch die Gegend fahren will. Damit das nicht ganz so sinnlos und ineffektiv war, wollte ich als richtig viel auf einmal sehen in der Zeit. Ganz viele Menschen treffen also. Und das in möglichst kurzer Zeit. Ein Plan musste her. Und der war schnell da. Genauso die Idee, dabei Tagebuch zu führen, um später einmal in wilden Sentimentalitätsausbrüchen schwelgen zu können. Allerdings zitternden Händchens bei Zugfahrten Heftchen voll zu krakeln, war mir zu anstrengend. Neumodisches Zeug musste her. Genau. Ein Blog. Die Idee, die Myriaden von psycho-exhibitionistischen Netz-Tagebüchern um meine faszinierenden, tollen und einzigartigen Reiseberichte zu erweitern, gefiel mir außerordentlich gut. Und so sollte es dann auch geschehen.

Die Mission

Aber wenn sie einmal losgelassen, blubbert die maßlose Kreativität einfach weiter fröhlich vor sich hin und wirft Idee um Idee aus. So entstand die Mission. Meine Reise sollten einen epischen Touch erhalten. Sie sollte nicht nur eine Reise sein. Es war DIE Reise. Der Held kehrt aus der Dunkelheit zurück um sein Land erneut zu retten – und dieses Mal richtig. Meine Freunde. Mein Land. Und ich, der sie über meine Reise verbinden würde. Und damit mein Land. Ich war plötzlich das patriotische Netzwerk-Kind, sah mich bereits in der Tradition eines Faserländers, eines Geo-Reporters, eines reisenden Dichters. Aber ein bisschen über ein paar junge Leute zu schreiben war eigentlich gar nicht sonderlich besonders. Und überhaupt sind meine Freunde auch nicht durchschnittlich genug um damit das Spektrum deutscher Jugend abdecken zu können. Zu gymnasiastisch, zu wenig Quotenkinder und die Herkunft quasi immer in meiner Nähe. Und da verband sich plötzlich in meinem Kopf Hyrule mit Deutschland. Wenn ich die deutsche Befindlichkeit nicht einfach so aus den besuchten Menschen und Städten herauslesen konnte, dann musste ich das eben aktiv verfolgen. Und so wurde die Mission zu dem was sie jetzt ist.

Benedikt Glatzl 2 - The quest for the deutsche Befindlichkeit.

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