Mittwoch, 30. Mai 2007

B-Day

Written: August 20th 2003
Title: B-Day

"B-Day" is a short story extracted from the "field diary" I had during my military service to keep me sane in the tough environment without individual space there. It takes place some days before the end of our boot camp.

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Sein Gesicht war rot vor Erregung. Aufgeregt kaute er auf dem letzten Stück Pizza herum, das er sich gerade in den Mund geschoben hatte. „Wenn wir genug sind, wird das überhaupt kein Problem! Wir brauchen vielleicht 5 geeignete Leute, die den Hauptteil übernehmen!“ Er schilderte detailliert was ihm vorschwebte. Ungläubig lauschten ihm die anderen am Tisch. Je weiter er mit seinen Ausführungen fortschritt, desto mehr änderte sich ihr Gesichtsausdruck von Unglauben zu Schrecken. Was da vorgeschlagen wurde war hart und vernichtend. Das war kein Spiel mehr. „Und dann warten wir einfach. und niemand wird etwas davon erfahren!“. Betretenes Schweigen. Sie beobachteten sich gegenseitig verstohlen, ob nicht eine bestimmte Reaktion vorherzusehen war. Schließlich ergriff einer das Wort. „Das klingt etwas hart, was du da sagst, aber das ziemlich genau das, was ich auch vor einer Woche vorgeschlagen habe!“. Der, der den Plan vorgebracht hatte, freute sich. So könnte er sich beweisen. So konnte er groß Punkte sammeln. Und das musste er auch, schließlich war er ja Offiziers-Anwärter. Er hatte bereits alles abgeklärt. Eigentlich war es gar nicht seine eigene Idee gewesen, sondern die seines Ausbilders. Und von ihm wusste er auch, dass alle Ausbilder hinter einem derartigen Vorgehen standen. Sie würden sie decken. Wenn er es tatsächlich schaffen würde, genügend Leute zu finden, und die Sache durchzuziehen, würde er mit Sicherheit die Lorbeeren dafür einstreichen, egal ob er nun wirklich das Meiste organisiert hatte oder nicht. Er musste Grinsen und betrachtete sein Gegenüber über seine getrübten Brillengläser hinweg.

Eigentlich war es ja in der Tat keine schlechte Idee. Zumindest wäre das eine Erfahrung, die man noch seinen Enkeln würde erzählen können. Die würden erschrecken ob der Grausamkeit. Und man selbst könnte in sich hineinlächeln, was man doch für ein fieser und harter Hund war damals. Vielleicht könnte er ja ausserdem noch neue Agenten gewinnen. G grinste, als er die gegenüberliegende Stube betrat.

„...könntet ihr bei uns mitmachen!“. Sein Grinsen erstarb augenblicklich. In der Mitte des Raums stand ein seinerseits über das ganze Gesicht grinsender Kamerad aus seiner eigenen Stube. Es war der, der mehr oder weniger zum Mobbing-Opfer seiner Kampfgruppe (und später des ganzen Zuges) auserkoren worden war. „Wovon sprichst du?“ fragte ihn gerade ein äußerst verständnislos dreinblickender Offiziers-Anwärter. „Naja, von unserer Organisation! Bei der du mitmachen solltest!“, meinte der Kamerad enthusiastisch. Entsetzt blickte G ihn an. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss. „Was denn für eine Organisation?“ Der Unmut des Offizier-Anwärters war deutlich zu hören. „Na bei...“ er erblickte G „Ah hallo!“. „Was machst du denn da?“ fragte G ihn. „Ich werbe ihn grad für unsere Sache an!“ meinte sein Kamerad fröhlich. G musste einen tiefen Seufzer unterdrücken. „Bist du blöd? Das macht man doch nicht so! Oh Mann!!!“. Der Kamerad sah plötzlich aus als würde er jeden Moment zu winseln beginnen. „Aber wieso... ich hab doch...“. „Am besten du gehst jetzt, ich klär das schon hier!“ unterbrach ihn G mit drohendem Unterton. Der Kamerad trollte sich wie ein getretener Hund. Gut. Solche Leute können einem wirklich alles kaputt machen.

Der Offiziersanwärter grinste. „Ich weiss, um was es geht!“ Er zwinkerte. Es geht, um die Aktion gegen gewisse Kameraden, nicht wahr?“ „Äh... ja... genau!“ „Also ich bin auf jeden Fall dabei...“

“Was halten sie von der Sache?“
„Nun, ich denke entfernen wäre der falsche Schritt, aber wir sollten handeln.“
„Handeln inwiefern?“
„Schlagstock raus und buff.“
„Es denken mehr Kameraden so wie sie! Und sie denken ernsthaft an so etwas.“
„Tatsächlich?“
G trat an das Pissoir direkt neben seinem Kameraden heran und öffnete die Hose.
„Wäre das nicht endlich mal etwas Action in unserem grauen Alltag?“
Der Agent starrte angestrengt auf die Wand vor sich.
„Durchaus... aber haben wir dabei nicht mir Konsequenzen zu rechnen?“
G lächelte wissend.
„Natürlich haben wir das schon abgeklärt. Wir brauchen nur noch Leute, die mitmachen. Möglichst viele Leute!“
Während er sprach, wanderte der Blick des Kameraden verstohlen zu der geöffneten Hose Gs. Wie hypnotisiert starrte er eine Sekunde auf das, was er dort zwischen den Fingern seines „Vorgesetzen“ erblickte. Dann wandte er sich wie ertappt wieder der Wand zu.
„Und ich nehme an, sie wollen mich jetzt dazu anwerben?“
„Wären sie denn bereit, an einer derartigen Aktion teilzunehmen? Wir haben schon einige, die dabei wären.“
„Aber... sicher.“
„Gut so, ich wusste ich kann auf sie zählen! Aber wahrscheinlich wird das sowieso nichts... diese Leute trauen sich nichts und wir werden nicht hart genug rangenommen um selbst so hart zu werden...“
Nachdenklich beendete G sein Tagesgeschäft. Er dachte darüber nach, ob er tatsächlich bei der Ausbildung soviel schwitzte, dass er täglich nur einmal den Gang zur Toilette machen musste. ‚Nicht hart genug, um uns hart zu machen’ dachte er ‚aber hart genug, um meinen Körper zu kontrollieren’. Er schloss seine Hose und drehte den Kopf seinem Kameraden zu. Der „Agent“ hatte wieder einen unbewussten Blick auf Gs Männlichkeit gewagt. Er grinste verlegen, betätigte die Spülung und verließ G mit einem gemurmelten „Melde mich ab“.

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Mittwoch, 23. Mai 2007

Gefangen im eigenen Ich

Written: 22nd of August 2004
Title: Gefangen im eigenen Ich (Prisoned in my own self)

Spontaneous contribution to a poem-competition in a youth-community to the topic of the titel.

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Einst war Ich "Ich" doch lang ists her
als man Mir stahl das "Du"
nun ist mein Leben kalt und leer
Denn "deins" ward "meins" im Nu

Mein "wahres Ich" hab Ich verlorn
der Inhalt ganz zerfressen
dort find Ich nur noch euren Zorn
drum bin Ich selbstvergessen

Mein Leben wurd ein Bühnenspiel
der Hauptakteur bin "Ich"
wie jeder Spieler hab das Ziel
zu Leben für das "dich"

Ich bin ein Sklave dieses "Wir"
und "ihr" seid mein Gewissen
ihr haltet mich wie euer Tier
dem wahren "Ich" entrissen

Doch als "Ich" "Du" wurd lang ists her
verschwand "Ich" nicht im "Wir"
ging "Ich" nicht auf im "Unser"-Meer
wurd euer Elixier

Und soll nicht "Ich" nur sein wie "Sie"
und fühlen euren Schmerz
auch "ihr" sollt fühlen Ironie
die nun umfasst mein Herz

Das "Ich" ist nun vom "Wir" geprägt
tief unter allem "Du"
doch Maske, die das "Ich" nun trägt
lacht "euch" nur spöttisch zu

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Sonntag, 20. Mai 2007

Der Widersacher - Prolog

Started: Ca. middle of 2005
Finished: 30.October 2005
Working title: "Prolog"

"Prolog" is a draft for an introductionary story for a novel I tried to develop during 2005. The novel (working titel: "Der Widersacher" (The Enemy) or "Das System" or "Das Netz" (The web) is about a person that tries to bring humanity on a higher level by permeating all kind of social systems and influencing them by injecting ideas, triggering thoughts and actions and directly interfering.

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Herzschlag.

Schneller als gewöhnlich.

180 Schläge in der Minute. Das Blut schoss mit einer Geschwindigkeit von 33 Zentimetern pro Sekunde durch seine Blutbahn und transportierte lebenswichtige Stoffe durch seinen Körper. Sauerstoff. Natrium. Chlorid. Kalium. Magnesium. Phosphat. Calcium. Prolaktin wurde von der Hypophyse aus im ganzen Körper verteilt, während sich sein Puls langsam beruhigte. Aorta. Arterien. Arteriolen. Alles war auf seinem Platz. Alles hatte seine Funktion. Er wusste es. Er begriff es.

Das leise Summen schien direkt aus der Matratze zu kommen, auf der er lag. Es durchdrang seinen Kopf. Durchdrang sein Denken. Vertrieb die letzten Gedanken [an das Fleisch, das er gesehen hatte. Und machte ihn für einen Moment zu einer Maschine. Es waren seine Gedanken, die summten, während sie durch seinen Kopf strichen und sich zu immer neuen Mosaiken zusammenfügten. Bilder aus vergangenen Zeiten blitzten in seinem Geist auf. Gesichter. Namen. Ereignisse. Er hörte die Fragen. Er erahnte die Gefühle. Das chaotische Jetzt der Vergangenheit. Den statischen Sturm. Ein Strudel ohne Halt. Er veränderte sich. Das Wirbeln der Gedanken wurde langsamer. Die Ereignisse wurden klarer. Die Fragen verblassten. Und schließlich formte sich ein neues Bild vor seinem inneren Auge. Strukturen bildeten sich. Er sah die Ströme, die alles verbanden. Sah warum war, was war. Er verstand. Die Gegenwart.

Er öffnete langsam die Augen und starrte einen Moment lang auf die Zahlenreihen, die vor ihm über den Bildschirm des Laptops liefen. So viel Wissen. So viel Systematik. Er berührte den Bildschirm und strich langsam mit dem Finger darüber. Wie waren diese Zahlen zustande gekommen? Welche Lebensgeschichten verbargen sich hinter ihnen?

Diese Zahlen bedeuteten Leben. Und sie entschieden über Leben. Aber das war falsch. Nicht die Zahlen entschieden, sondern die Menschen. Nicht einmal die Mächtigen. Alle Menschen entschieden. Jede der Zahlen sagte etwas über diese Entscheidungen aus. Und keine konnte sie erklären. Die Zahlen waren Bestandsgrößen einer amorphen Masse, die in einem Reagenzglas beobachtet wurde. Krückstöcke des Versuches, alles in den Griff zu bekommen. Statische Bewegungsgrößen für eine fließende Welt. Aber trotz allem gaben sie Orientierung. Je kleiner und näher der betrachtete Ausschnitt war, umso klarer wurde die Welt um einen herum. Bis man in der höchsten Auflösung der Abstraktion wieder bei sich selbst landete. Absurd, aber logisch.

Sein Finger blieb an einer Zahl hängen und folgte ihr über den Bildschirm. Er kniff die Augen zusammen. „Scheisse…“ murmelte er. Es stimmte nicht. Irgendetwas hatte er nicht bedacht.

Er richtete sich auf und wischte sich die andere Hand an einem Taschentuch ab. Dann drückte er eine Taste. Der Lüfter der Maschine sprang an und vertrieb das leise Surren, während sich der Bildschirm erhellte und den Blick auf die Programme freigab, die im Ruhezustand weitergelaufen waren.

Er startete eine Reihe von Diagnoseprogrammen und versuchte seine Daten zu aktualisieren. Es funktionierte nicht. Müde drehte er den Kopf und schaute auf die Uhr, deren rote Digitalanzeige von seinem Nachttisch herüberleuchtete. Es war Drei Uhr morgens. „Scheisse…“ murmelte er noch einmal. Er hatte keine andere Möglichkeit, als zu warten. Alles was er in dieser Zeit tun konnte war eine Ex-ante-Analyse der vorhandenen Daten. Die neuen, von seinem Computer hypothetisch synthetisierten Kennzahlen, die er gesehen hatte boten ihm Anhaltspunkte, aber sie ließen keine genaue Analyse zu. Warum ausgerechnet heute? , dachte er. Er hatte vor langer Zeit aufgehört an den Zufall zu glauben. Aber dass so etwas wie das Schicksal genau zu diesem Zeitpunkt genau diese eine Zahl verändert haben könnte – es war zu unwahrscheinlich. Alles war zu komplex, als dass man es gezielt hätte verändern können. Zu viele Parameter – viel zu viele Parameter. Zu flexible Einheiten und Regelwerke. Grauziffern. Feedbackschleifen. Es war nahezu perfekt. Nahezu.

Er seufzte und rief ein Datamining-Programm auf. Weitere Zahlen liefen über den Bildschirm, Statistiken über Aktivitäten, über Einheiten, über Kontextualisierung. Er sah erhöhte Aktivitäten, zunehmende Konzentrationen von Subeinheiten und die Evolution von Regulations- und Regelwerken. Diese Zahlen hatte er in den letzten Wochen viele Male gesehen. Er aktivierte die Analyseprogramme und fütterte sie mit den Zahlen. Er veränderte sie hier und dort und studierte eingehend die Ergebnisse. Selbst in Extremsituationen hätte alles anders reagieren müssen. Die Programme hatten bisher nie versagt. Auch wenn das bisher nur im Kleinen geschehen war, waren sie doch immer äußerst hilfreiche Stützen gewesen. Er spielte weiter verschiedene Szenarien durch, während er die Nachrichten las, die ihn vor einigen Stunden erreicht hatten. Es handelte sich größtenteils um Small-Talk. Regelmäßige E-Mails, um den Kontakt zu bestimmten Personen aufrecht zu erhalten. Einige Mails hatte er mit einem Zeitmarker markiert. Sie halfen ihm, den Überblick in dem Informationswust zu behalten und mussten in Kürze gelöscht werden.

Er starrte auf die Uhr. Warten, immer noch warten.

Wenn er das Problem in seiner ganzen Tragweite verstehen wollte, würde er es in Echtzeit betrachten müssen. All die Zahlen und Worte waren zu abstrakt, als dass man daraus plausible und nachvollziehbare Erkenntnisse hätte gewinnen können. Konnte man das Problem aber zusätzlich strukturiert visualisieren, würde es viel klarer werden. Er gab einen Befehl in die Kommandozeile ein und wartete. Der Bildschirm wurde wieder schwarz. Die Zahlen, die er gerade in den verschiedenen Programmen gesehen hatte, waren nur mehr klein am Rand eingeblendet. Dann entfaltete sich vor ihm das Netz.

Ein Gewirr von geometrischen Formen, die einander umfassten und sich gegenseitig durchdrangen. Linien in unterschiedlichen Farben und Erscheinungsformen stellten Verbindungen zwischen verschiedenen Punkten her. Fremdartige, aber auch seltsam alltägliche Symbole übersäten das Bild. Sie fanden sich sowohl im Zentrum der geometrischen Formen, als auch auf den Linien und frei schwebend zwischen den Strukturen. Es schien sich nur um einen kleinen Ausschnitt eines größeren Systems zu handeln.

Prüfend betrachtete er das scheinbare Chaos, das den gesamten Bildschirm ausfüllte.

Er schrieb das Wort „Makro“ in die Konsole. Das Bild folgte einer Linie. Neue Strukturen kamen zum Vorschein, bis es an einem offensichtlich zentralen Punkt stoppte und herauszoomte. Die gerade noch erkennbaren Strukturen entfernten sich und schrumpften zu vielfarbigen Knäueln. Der Anblick, der sich ihm jetzt auf dem Bildschirm darbot ähnelte dem vorherigen nur entfernt. Es waren nun eindeutig klare Strukturen erkennbar, die nicht ineinander verschränkt, sondern größtenteils über dicke Stränge verbunden waren. Auf den ersten Blick hätte man es für die Sternenkarte einer außerirdischen Zivilisation halten können, auf der die Hauptverbindungen zwischen verschiedenen Galaxien und Sonnensystemen eingetragen waren.

In den ganzen Strukturen schien es zentrale Punkte und Einheiten zu geben, die das Netz zusammenzuhalten schienen, denn von ihnen führten weitere kleine Stränge durch die einzelnen kleineren Teile des Netzes. Mehrere Stränge größerer Systeme waren mit einem einzelnen Symbol verbunden, das irgendwie mythologisch anmutete.

Es handelte sich um die zweidimensionale Darstellung eines komplexen, ausdifferenzierten Systems. Verbunden mit ständigen Dateninputs des Internets veränderte sich die Simulation in Echtzeit. Korrekturen wurden vorgenommen, Entwicklungen miteinbezogen und augenblicklich visualisiert.

Die Strukturen verformten sich unmerklich. Die Ränder der einzelnen Systeme weiteten sich aus und zogen sich zusammen. Die Systeme schienen aufeinander zuzufließen oder wegzudriften. Das ganze sah aus wie die Simulation mehrerer Amöben, die durch Wasser glitten und versuchten, sich dabei nicht gegenseitig in die Quere zu kommen. Und wie bei Amöben veränderten sich die Kerne der Strukturen kaum. Sie blieben zentral in ihrem jeweiligen System und schickten weiter Impulse durch den ganzen „Körper“.

Das System schien ganz simpel zu funktionieren. Zentrale Stellen, deren Sphären separat nebeneinander oder ineinander existierten. Diese Vereinfachung blendete möglicherweise wichtige Informationen aus. Er tippte „Echtzeit-3“ in die Konsole.

Das Bild veränderte sich total. Was vorher noch relativ klar und verständlich zu sein schien, war zu einem völlig unkenntlichen Gewirr an Farben, Formen und Symbolen geworden, die in gemächlicher, wenn auch ständiger Bewegung über den Bildschirm wanderten. Das ganze wirkte wie der Traum eines wahnsinnigen Künstlers, ein sich selbst modifizierendes, modernes Kunstwerk. Es war viel zu komplex, als dass ein ungeschultes Auge dort irgendetwas hätte erkennen können. Aber er manövrierte mit ein paar Befehlen zielsicher durch das kleine dreidimensionale Universum, das er geschaffen hatte. Vorbei an mysteriösen, isolierten Strukturen, ein irgendwie bedrohlich schwarzes Feld umgehend, kam er schließlich dem „Ort“ näher, dem in wenigen Minuten so viel Bedeutung zukommen sollte. Es schien, als hätte das System um diesen Ort eine Art Blase gebildet, die ihn weitgehend von allen Durchdringungen und Absorptionen verschont hatte. Vielleicht schafften es die winzigen Einheiten, die nach und nach dort sichtbar wurden, aber auch, sich von den Strukturen um sich herum zu verschliessen und auf diese Weise eine Art Schutzsphäre um sich zu bilden. Er zoomte immer näher an diese kleinen Punkte heran, bis er bei deren Zentrum angekommen war. Dort fand sich eine Art winziger Knotenpunkt, der die Bezeichnung „Liberi Fatali“ hatte. Er hatte ein Faible für die Pathetisierung seiner Arbeit, das er sich allerdings nur in kleinen Details auszuleben erlaubte. Er hatte es oft gesehen und mehrmals durchdacht. Er zoomte wieder heraus, um das die Sphäre wieder in ihrer Gesamtheit zu betrachten. Wenn man genau hinsah, konnte man sehen, dass sich um die Sphäre herum lauter Knotenpunkte verschiedenster Farben befanden, die sehr langsam auf sie zudrifteten.

Das war der letzte Stand. Das war der Abschluss der Vorbereitungen. Während er die Kennzahlen las, die noch immer am Rand des Bildes herunterliefen, beschlich ihn das Gefühl, dass irgendetwas furchtbar falsch gelaufen sein musste. Aber in Kürze würde er ohnehin mehr wissen. Ein Timer war am unteren Bildschirmrand erschienen, der die letzten Minuten herunterzählte.

Ein Ruck ging durch das ganze System.

Während es updatete, waren größere Veränderungen in seiner Struktur nicht unüblich, aber das, was sich dort gerade vor seinen Augen abspielte, war alles andere als im Rahmen des Normalen. Die Knoten um die kleine Sphäre hatten sich ihr weiter angenähert und verkleinerten sie sukzessive. Aber irgendetwas stimmte nicht. Keine einzige der Einheiten in der Sphäre wurde assimiliert. Die Strukturen innerhalb der Sphäre brachen nicht zusammen, aber sie blieben trotzdem nicht vollkommen stabil. Sie wirbelten umher und fügten sich zu immer neuen Strukturen zusammen. Er schüttelte ungläubig den Kopf. Seltsam.. Es musste ein Rechenfehler sein. Er hatte bisher alle Fehler im Programm gefunden, aber dieser schien…

Der Timer des Programms war bei Null angelangt. Das speziell zu diesem Anlass erstellte Zeitfenster, in dem eine Echtzeitverarbeitung der sekundenweise aktualisierten Dateninputs durchgeführt werden sollte, hatte sich geöffnet.

Fassungslos starrte er auf den Bildschirm. Nicht nur die Sphäre hatte sich verändert. Soweit er erkennen konnte, hatten sich auch die eigentlich von ihr abgeschlossenen, umliegenden Strukturen und Knoten verändert. Mein Gott. Er zoomte aus dem Bild heraus.

Alles war zum Stillstand gekommen.

Zum geordneten Stillstand. Völlig unmöglich. Die Strukturen schienen sich verfestigt zu haben. Völlig fremde Knoten schickten Impulse über bis dato nicht existenten Bahnen durch dieses fremde System. Je weiter er herauszoomte, umso mehr nahm das Gefühl zu, dass hier etwas ganz furchtbar falsch lief. Alles musste sich innerhalb kürzester Zeit fundamental verändert haben. Und das war einfach nicht möglich. Rechenfehler . Es konnte sich nur um einen Rechenfehler handeln. Einen Systemabsturz. Ein Virus. Ein…

Es veränderte sich von neuem. Mehrere Sekunden lang erhellte sich der Bildschirm in einem Feuerwerk von Impulsen. Sie alle schienen in eine bestimmte Richtung zu verlaufen. Er folgte ihnen bis er einen Punkt fand, an dem sie im Nichts zu verschwinden schienen. Einige Sekunden lang betrachtete er mit leerem Blick dieses virtuelle schwarze Loch, das nicht nur die Früchte seiner Arbeit, sondern auch seine Gedanken einzusaugen schien. Irgendetwas in seinem Kopf klickte. Die Analyse –schnell. Er tippte eine Reihe von Befehlen in die Kommandozeile. Ein grünes Raster legte sich über das Bild. Zahlen und Begriffe rasten über den Bildschirm. Das Netz war offensichtlich noch immer das gleiche, wenn auch in völlig unbekannter – unmöglicher – Ordnung. Aber die neuen Knotenpunkte schienen sich aus bis dato inaktiven oder gänzlich fremden Einheiten zu konstituieren, die es irgendwie geschafft hatte, das gesamte System neu zu modulieren. Er versuchte seinen rebellischen Verstand zu beruhigen, der ihn dazu drängte, den Computer einfach neu zu starten und diesen offensichtlichen Fehler auszumerzen. Es musste irgendeine Bedeutung haben.

Und plötzlich begriff er. Die Richtung, in die Alles wies. Die blinden Flecken. Das totale System. Er erkannte, warum das alles war und wie es zustande kam. Er betrachtete die Zahlen und verstand. Es war kein Softwarefehler. Es war nicht unmöglich. Das Gefühl des allumfassenden Verstehens war kurz davor, sich klar in seinem Bewusstsein zu manifestieren. Er musste es weiter verstärken, musste ihm weiter Nahrung geben. Er schwelgte in den Zahlen, er nahm die Strukturen in sich auf, er…

Blank screen. Einige Sekunden lang nichts. Dann erschien das Bild wieder. Gemächlich zogen kleine Netze winziger Einheiten ihre Bahnen in dem Mikrokosmos, den er schon so viele Male betrachtet hatte. „Scheisse!“ schrie er, und warf beinahe den Laptop zu Boden, als er seine Hände wieder zur Tastatur führte. Er hämmerte Befehle in die Tastatur. Der Computer zeigte ihm an, dass gerade ordnungsgemäß das Update durchgeführt worden war. Ordnungsgemäß.„Schwachsinn“, zischte er.

Er führte eine Total-Analyse durch. Es schien sich nichts verändert zu haben. Alles war am selben Ort wie zuvor und verhielt sich nicht anders als es das bisher getan hatte. Mit einer Ausnahme: Dort wo sich zuvor die kleine Sphäre befunden hatte, war nichts mehr. Sie war verschwunden und mit ihr alle umliegenden Knotenpunkte. Auch, als er eine Rücksimulation durchführen wollte, zeigten seine Programme keinerlei Anzeichen des kleinen Systems. Mangels Kapazität ließ er die aktuelle Datenverarbeitung grundsätzlich nicht protokollieren, da die Rücksimulation jegliche Veränderungen rekonstruieren können sollte.

Die kleine Sphäre hatte nie existiert. Genauso wenig die umliegenden Knotenpunkte. Er würde sie nicht wieder zurückbringen können. Das System hatte sie verloren.

Er starrte mit leerem Blick aus dem Fenster. Der Morgen dämmerte langsam. Er nahm sein Handy, das wild zu blinken begonnen hatte. Irgendwo tief in ihm verhallte die letzte Spur der Erkenntnis, der er so nahe gewesen war. Ein einzelner Vogel begann sein Morgenlied zu singen.

Bald würde alles von vorne beginnen.

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